Viele junge Teams entwickeln Produkte am Marktbedarf vorbei. Sie investieren viel Energie in die technische Umsetzung einer Idee, ohne vorher zu prüfen, ob die Zielgruppe das fertige Produkt überhaupt haben möchte. Genau hier setzt Design Thinking an. Die Methode stellt die Perspektive der späteren AnwenderInnen konsequent in den Mittelpunkt des gesamten Prozesses. Es geht darum, Probleme aus Sicht der Nutzerschaft zu verstehen und auf dieser Basis Lösungen zu entwickeln.
Der Weg vom Problem zur Lösung
Der Prozess führt Teams durch zwei große Räume: den Problemraum und den Lösungsraum. Statt linear von Schritt zu Schritt zu springen, verläuft das Vorgehen flexibel. Teams gehen oft wieder einen Schritt zurück, wenn neue Erkenntnisse die bisherigen Annahmen infrage stellen.
Der Problemraum: Verstehen, was wirklich hakt
Bevor die ersten Ideen entstehen, muss das Team die eigentliche Aufgabenstellung analysieren. Im ersten Schritt geht es darum, bestehende Vorurteile abzubauen und das Thema tief zu durchdringen. Danach verlassen die GründerInnen das Büro, um qualitative Gespräche mit potenziellen KundInnen zu führen und sie in ihrem Alltag zu beobachten. Offene Interviews ohne vorgefertigte Antwortmuster helfen dabei, die echten Frustrationen der Betroffenen aufzudecken.
Die gesammelten Eindrücke werden anschließend verdichtet. Das Team baut fiktive Personenprofile auf, um die Bedürfnisse der Zielgruppe greifbar zu machen. Dieser Abschnitt endet mit einer klaren Problemstellung, die das zentrale Problem möglichst präzise beschreibt.
Der Lösungsraum: Ideen entwickeln und ausprobieren
Erst wenn das Problem definiert ist, beginnt die kreative Phase. Einfache Techniken zur Ideenfindung helfen, in kurzer Zeit sehr viele unterschiedliche Ansätze zu sammeln. Danach baut das Team erste einfache Prototypen (MVPs). Hierfür braucht es keine Software: Modelle aus Papier, Karton oder Legosteinen reichen aus, um eine abstrakte Idee physisch begreifbar zu machen.
Diese Modelle werden echten AnwenderInnen übergeben. Wenn man Testpersonen bittet, beim Ausprobieren laut zu denken, teilen sie ihre Gedanken ungefiltert mit. Diese Tests zeigen schnell, ob die Annahmen zutreffen oder angepasst werden müssen. Merkt das Team, dass der gewählte Ansatz die Erwartungen verfehlt, folgt eine Kurskorrektur (Pivot), um das Modell an die reale Nachfrage anzupassen.
Die startup-spezifische Anpassung der Methode
Der klassische Design-Thinking-Ansatz stammt historisch aus Innovationsabteilungen etablierter Großkonzerne. In diesen Strukturen stehen meist hohe Budgets, spezialisierte Forschungsabteilungen und mehrmonatige Zeitfenster zur Verfügung, um tiefgehende Nutzerstudien durchzuführen. Startups können diesen Luxus in der Praxis selten aufbringen. Junge Unternehmen arbeiten unter permanentem Zeitdruck und mit begrenzten finanziellen Mitteln, weshalb sich die Methode im Startup-Umfeld deutlich radikaler, pragmatischer und geschwindigkeitsorientierter entwickeln muss.
Während Konzerne oft wochenlang im Problemraum verharren, um umfassende Persona-Profile und emotionale Kundenreisen zu analysieren, verkürzen agile GründerInnen diese Phasen auf das absolute Minimum. Die Empathie-Phase verlagert sich hier direkt auf die Straße: Statt gemieteter Testlabore nutzen Teams spontane Interviews im echten Lebensumfeld der Zielgruppe. Auch beim Prototypenbau zeigt sich ein struktureller Unterschied. In Unternehmen dienen Modelle oft der internen Abstimmung zwischen Abteilungen. Im Startup ist der Prototyp die Vorstufe des simplen Überlebens am Markt. Die haptischen Entwürfe aus Papier oder Karton wandeln sich wesentlich schneller in digitale Klick-Dummys, um eine direkte Zahlungsbereitschaft zu testen. Design Thinking für Startups koppelt die Nutzerzentrierung somit von Anfang an an die wirtschaftliche Realität und die Suche nach einem skalierbaren Geschäftsmodell.
Wie die Methode zu anderen Ansätzen passt
Viele Startups kombinieren Design Thinking mit anderen Arbeitsweisen. Die Methoden stehen nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich im Zeitverlauf:
- Design Thinking hilft in der ganz frühen Phase, das relevante Problem zu finden und die Bedürfnisse der Menschen zu verstehen.
- Lean Startup übernimmt, sobald eine erste Lösung skizziert ist. Der bekannte Kreislauf aus Bauen, Messen und Lernen überprüft die wirtschaftliche Tragfähigkeit am Markt.
- Agile Methoden wie Scrum oder Kanban strukturieren danach die eigentliche Produktions- und Softwareentwicklung in effizienten, kleinen Schritten.
Angebote und Anlaufstellen in München
Wer die Methode erlernen oder in Workshops ausprobieren möchte, findet in München etablierte Anlaufstellen. Die großen Hochschulinstitute bieten praxisnahe Programme an, die oft auch für externe GründerInnen offenstehen. Das Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) der Hochschule München nutzt den nutzerzentrierten Ansatz als festen Bestandteil seiner Gründungsförderung. Im zweisemestrigen „Academic Program for Entrepreneurship“ lernen Teilnehmende, komplexe gesellschaftliche und technische Probleme zu analysieren und Prototypen aufzubauen. Das Institut veranstaltet zudem regelmäßige offene Formate wie das InnovationsCafé, bei dem Teams Feedback zu ihren frühen Entwürfen erhalten.
An der Technischen Universität München ist die UnternehmerTUM in Garching der zentrale Anlaufpunkt. Neben kompakten Zertifikatskursen bietet das dortige Netzwerk regelmäßig offene Workshops an, um Methoden wie das Rapid Prototyping direkt auszuprobieren. Ziel dieser Angebote ist es, studentische Teams und junge Firmen frühzeitig mit den Werkzeugen vertraut zu machen, damit technologische Innovationen von Anfang an nah am echten Kundenbedarf entwickelt werden.
Kostenfreie Toolkits für den Einstieg
Für die Vorbereitung eigener Workshops stehen umfassende Material- und Methodensammlungen digital zur Verfügung. Das Design Thinking Bootleg der Stanford d.school gilt als eines der weitreichendsten Handbücher und beschreibt die einzelnen Werkzeuge detailliert. Das Design Kit des Kreativbüros IDEO konzentriert sich stark auf empathische Recherchemethoden. Für die Moderation in Teams bietet das Collective Action Toolkit von frog passende Vorlagen.
Die digitale Zusammenarbeit in verteilten Teams lässt sich über Online-Whiteboards organisieren. Die Plattform Miro bietet in ihrer kostenfreien Basisversion drei editierbare Boards und zahlreiche Vorlagen für die Strukturierung von Nutzerfeedback. Eine unbegrenzte, dauerhaft kostenfreie Alternative ist Canva Whiteboard. Für kurze Sitzungen ohne Registrierung eignen sich Whiteboard Fox mit einer Speicherdauer von 14 Tagen oder Excalidraw, das sich besonders für skizzierte Diagramme anbietet.