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Wie das Virus uns zur Digitalisierung zwingt

Wie das Virus uns zur Digitalisierung zwingt

Simon Tischer

Simon Tischer

Von Dezember 2015 bis Juni 2023 war Simon Tischer als Redakteur für Munich Startup tätig.

2. April 2020

3 Min. Lesezeit

Die Corona-Pandemie hat gewohnte Abläufe auf einen Schlag über den Haufen geworfen. Weil vieles nicht mehr so läuft wie zuvor, müssen Unternehmen und Menschen neue Wege gehen. Das Virus zwingt die Deutschen zur Digitalisierung. Ein Kommentar.

Gestern hat Bitkom eine Studie zum Stand der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft veröffentlicht. Demnach sieht nur ein gutes Fünftel der Unternehmen die deutsche Wirtschaft bei der Digitalisierung in der weltweiten Spitzengruppe, rund die Hälfte im Mittelfeld und ebenfalls ein gutes Fünftel unter den Nachzüglern. Wenn die befragten Unternehmen sich selbst eine Schulnote für die eigene Digitalisierung vergeben müssten, wäre das eine 3- — gerade noch befriedigend. Doch die Verweigerung gegenüber digitalen Neuerungen in Deutschland bekommt Risse.

Aus der Not geborene Turbo-Digitalisierung

Die Umfrage wurde vor der Corona-Krise durchgeführt. Seitdem ist viel passiert. In wenigen Wochen hat sich Deutschland turbo-digitalisiert. Selbst konservativ geführte Unternehmen mussten ihre Präsenzkultur von einem Tag auf den anderen über Bord werfen und die Mitarbeiter ins Homeoffice schicken. Plötzlich funktioniert die Abstimmung in Teams auch über Remote-Tools und Video-Konferenzen. Und obwohl der Remote-Zugang oft überhastet eingerichtet werden musste und keine Zeit war, passende Hardware zu bestellen, sind viele Unternehmen selbst überrascht, wie gut alles funktioniert.

Eine mir bekannte Personalerin konnte es buchstäblich kaum fassen, dass sie ihre Arbeit zu 99 Prozent von zuhause aus weiterführen kann. Ein glücklicher Zufall ermöglicht ihr die Heimarbeit erst: In den vergangenen Wochen und Monaten wurde die Zettelwirtschaft im Unternehmen durch digitale Abläufe ersetzt. Es lässt sich nur erahnen, wie viel reibungsloser die Umstellung gelaufen wäre, hätten sich viele deutsche Unternehmen nicht jahrzehntelang digitaler Arbeitsorganisation gegenüber verweigert.

Startups tun sich dementsprechend deutlich leichter mit der Umstellung von Büro- auf Remote-Arbeit. Die meisten Startup-Unternehmen arbeiteten schon vor COVID-19 ganz alltäglich digital zusammen. Präsenz ist nur dort notwendig, wo sie eben notwendig ist: In Werkstätten, Labors und an anderen Orten, die sich nicht digital abbilden lassen.

„Es wird sich viel verändern, um nicht zu sagen alles“

Und auch sonst verhilft die aktuelle Krise digitalen Tools zum Durchbruch: Endlich bezahlen mehr Kunden im Supermarkt mit Karte, Smartphone und Watch — und das sogar kontaktlos. Restaurants bieten notgedrungen Online-Essenslieferung an. Einer anderen Bitkom-Umfrage zufolge wünschen sich plötzlich zwei Drittel der Deutschen Online-Sprechstunden beim Arzt. Mittlerweile wird sogar darüber diskutiert, ob digitale Bewegungsspuren für die Eindämmung der Epidemie genutzt werden sollten. Ein Fraunhofer-Institut arbeitet gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut an einer App, mithilfe derer freiwillige Teilnehmer ihre Kontakte mit anderen Menschen anonym protokollieren. So ließen sich Infektionsketten leichter nachvollziehen.

Auch der Deutschland-Chef von Vodafone, Hannes Ametsreiter, sieht in der Corona-Krise „den größten Auftrieb für die Digitalisierung in Deutschland aller Zeiten“. Anrufe seien in Deutschland um 50 Prozent gestiegen, der Internet-Datenverkehr um 40 Prozent. Beim virtuellen Gründerfrühstück von Bits & Pretzels am vergangenen Sonntag sagte er:

„Es wird sich viel verändern, um nicht zu sagen alles.“

Die tendenzielle Technikfeindlichkeit vieler Deutscher ist einer pragmatischen Beschäftigung mit den Möglichkeiten digitaler Technologien gewichen. Alles, was es dafür gebraucht hat, war eine weltweite Pandemie ungeahnten Ausmaßes. Hoffen wir, dass wir etwas davon in bessere Zeiten nach der Seuche retten können.

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